Keine Treffen des Bibelkreises – aber häusliche Schriftlesung

„Nimm und lies!“ Diese Aufforderung aus den Bekenntnissen des heiligen Augustinus sei dem Bibelkreis ans Herz gelegt. Für das Treffen im Mai war vorgesehen
Lk 10,25-37! Dort steht das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Gestatten Sie mir eine kleine Lesehilfe, ein paar kurze Impulse zum Weiterdenken:

Im Allgemeinen wird dieser Text als klassisches Beispiel für Menschlichkeit gedeutet. Sein letzter Satz: „Dann geh und handle genau so“ legt dies ja auch nahe. Doch ist damit nach Ansicht vieler Ausleger die Aussage des Gleichnisses nicht ausgeschöpft. Gerhard Lohfink sieht den ursprünglichen Schwerpunkt des Gleichnisses im Kontrast der handelnden Personen: dem Priester und dem Leviten wird ein Samariter gegenübergestellt. Als Mischvolk galten die Samariter den Juden als anrüchig. Für Jesus gehören sie aber zum Gottesvolk. Hierin scheint für Lohfink die Sinnspitze des Gleichnisses zu liegen: „Jesus will ganz Israel zurüsten und sammeln – und zwar für das, was sich jetzt anbahnt: die Gottesherrschaft.“ Es gehe darum, dass die Solidarität im Gottesvolk endlich wahr wird. „Würde sie in Israel gelebt, könnte sie auch in der Welt gelebt werden“ –   So nachzulesen in seinem soeben erschienenen Buch „Die vierzig Gleichnisse Jesu“ (S. 154 f.). 

Dass die Welt auf solche Solidarität angewiesen ist, zeigt sich besonders in Krisenzeiten wie heute.

Das Gleichnis ist eingefasst in einen Erzählrahmen, der aus dem Dialog zwischen einem Gesetzeslehrer und Jesus besteht. Die Sinnspitze liegt hier wohl in der Schlussfrage Jesu: „Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde“ (V.36)? Die Antwort des Gesetzeslehrers hat nur Sinn, wenn sie als Bild verstanden wird. Wofür? Für wen steht der Samariter? Bereits die Kirchenväter sahen in der Gestalt des Samariters Jesus selbst, der der gefallenen Menschheit erlösend aufhilft. Gewiss auch ein Aspekt der Tauftheologie. In der neueren Exegese wird auch geltend gemacht, dass Jesus angesichts der Anfeindungen, denen er sich ausgesetzt sah, sein Verhalten rechtfertigt. Papst Johannes Paul II. bezeichnete in einer Ansprache vor den Diplomaten aus 105 Ländern die Kirche als barmherzigen Samariter. In den bedrängenden Weltproblemen der Gegenwart – den Kriegen, dem Hunger und dem Unrecht – fühle sich die Kirche verpflichtet, der barmherzige Samariter für diejenigen zu sein, die am Weg der Geschichte liegen geblieben seien.

Johannes Bours formuliert zur Besinnung auf die Jesusfrage: „Wo und wann hat sich in besonders deutlicher  Weise  die Frage Jesu in meinem Leben aktualisiert?  – Bin ich vorübergegangen? – Habe ich mich zugewandt?“ Das Gleichnis appelliert an die Bereitschaft zu lieben und stellt meinen Glauben an den Samariter Christus auf den Prüfstand. Möge die Lektüre den Lesern zum Segen gereichen wie damals dem heiligen Augustinus.

Bernd Napolowski

Nach oben